Ich hatte schon oft gehört, dass Shanghai Donghu Hotel zu den legendärsten historischen Hotels Shanghais zählt. Als mich eine Geschäftsreise in die Stadt führte, buchte ich daher unbedingt einen Aufenthalt von zwei Nächten dort. Ich hatte eigentlich nur ein weiteres klassisches Hotel von der Stange erwartet, doch kaum hatte ich den Eingangsbereich betreten, fühlte ich mich wie in einen alten Film über Shanghai versetzt.
Während mein Wagen langsam die Donghu Road entlangfuhr, filterte das Blätterdach der Platanen das Sonnenlicht und warf ein gesprenkeltes Muster auf den Boden. In der Ferne entdeckte ich die weiße Umfassungsmauer des Hotels und die dunkelgrünen Eisentore; am Eingang stand ein uniformierter Sicherheitsmann, der so würdevoll wirkte wie der Wächter einer längst vergangenen Epoche. Als ich ausstieg, nahm mir ein Hotelpage das Gepäck ab und begleitete mich in die Lobby. Meine Schritte hallten leise auf dem Marmorboden wider, und der warme, goldene Schein des Kristallkronleuchters über mir ließ die Grenze zwischen 2024 und 1980 verschwimmen.
Mein Zimmer befand sich im zweiten Stock. Als ich die Tür öffnete, hielt ich einen Moment inne – nicht wegen überbordenden Luxus, sondern wegen des Charmes vergangener Zeiten. Die Holzmöbel schimmerten in einem sanften, warmen Glanz, die Vorhänge bestanden aus schwerem Jacquard-Stoff, die Bettwäsche war strahlend weiß und wirkte wie frisch gebügelt, und die Kissen waren perfekt aufgepolstert, um meinen Nacken zu stützen. Das Fenster gab den Blick auf den Donghu-See frei; obwohl er klein war, lag das Wasser spiegelglatt da. Ein paar Reiher strichen knapp über die Oberfläche, während die Zweige der Weiden am gegenüberliegenden Ufer ins Wasser hingen und sanft in der Brise schaukelten. Ich stand lange am Fenster und hatte das Gefühl, als hätte der See die Hektik der Stadt ausgesperrt.
Am frühen Abend unternahm ich einen Spaziergang am Seeufer und entdeckte, dass der Hotelgarten weitaus größer war, als ich es mir vorgestellt hatte. Der Rasen war tadellos gepflegt, und die Krone eines uralten Kampferbaums breitete sich wie ein riesiger Regenschirm aus. Im Schatten waren Rattanmöbel aufgestellt; dort saßen Gäste, lasen oder tranken Tee – die Atmosphäre war so still, dass man nur das Zwitschern der Vögel hörte. Als ich auf einen kleinen Pfad abbog, stieß ich auf eine reizvolle Villa; ihre Wände waren von Efeu überwuchert, und eine Bronzetafel am Eingang wies sie als denkmalgeschütztes Gebäude aus. Ich umrundete das Haus und empfand jeden Fensterrahmen als ein malerisches Motiv; ich konnte nicht anders, als ein Dutzend Fotos zu machen. Zum Abendessen im hoteleigenen chinesischen Restaurant bestellte ich eine Portion geschmorten Schweinebauch nach Shanghaier Art und eine Schale *Yan Du Xian* (eine Suppe mit gepökeltem Schweinefleisch und frischen Bambussprossen). Das Fleisch war süßlich, ohne aufdringlich zu wirken; es wackelte leicht bei Berührung mit den Stäbchen und zerging förmlich auf der Zunge. Die Bambussprossen in der Suppe hatten gerade Saison – sie waren so frisch und aromatisch, ein wahrer Genuss für die Sinne. Die Bedienung, eine Einheimische, bemerkte, dass ich allein speiste, und fragte freundlich, ob ich noch eine Schale Reis dazu haben wolle. Lächelnd fügte sie hinzu: „Junger Mann, lassen Sie es sich schmecken – die Shanghaier Küche ist dazu da, in Ruhe genossen zu werden.“ Diese ungezwungene, herzerwärmende Gastfreundschaft vermittelte ein angenehmeres Gefühl als jedes Sterne-Restaurant.
Am nächsten Morgen weckte mich Vogelgezwitscher vor meinem Fenster. Kurz nach sechs Uhr öffnete ich das Fenster und sah einen leichten Nebel über den See ziehen; in der Ferne zeichneten sich schemenhaft Gebäude ab – wie bei einer Tuschezeichnung, die noch nicht ganz getrocknet war. Ich warf mir eine Jacke über und ging hinunter für einen Spaziergang durch den Garten; der Tau benetzte meine Schuhspitzen, und die Luft war erfüllt vom frischen Duft von Grün und Erde. Zurück in der Lobby reichte mir die Rezeptionistin eine Tasse frisch gemahlenen Kaffee mit den Worten: „Das ist ein typischer Donghu-Morgen – lassen Sie sich Zeit und genießen Sie ihn.“
Am Tag meiner Abreise hielt ich am Eingang noch einmal inne, um auf die weißen Mauern, die grünen Bäume und den stillen See zurückzublicken. An Modernität und Glanz hat es Shanghai nie gefehlt, doch Shanghai Donghu Hotel zeigte mir eine andere Seite der Stadt: einen Ort, an dem man sich nicht hetzen lässt oder Trends hinterherjagt, sondern ganz in Ruhe die alten Traditionen pflegt und den Alltag in eine wunderschöne Szene verwandelt. Wenn ich das nächste Mal Shanghai besuche, werde ich keine Sekunde zögern, wo ich übernachten werde.Mehr anzeigen